Strategy verkauft erstmals Bitcoin – und erschüttert ein Narrativ
Erster BTC-Verkauf seit 2022 trifft auf fallende Kurse, Mt.-Gox-Bewegungen und steigende Börsenguthaben
CryptoDaily 4 min

Strategy verkauft Bitcoin nach vier Jahren
Strategy, ehemals MicroStrategy, hat erstmals seit vier Jahren Bitcoin verkauft. Die 32 BTC sind operativ unbedeutend – doch das Signal wiegt schwer, weil das Unternehmen seine Identität auf das Versprechen gebaut hatte, niemals zu verkaufen.
Das Ende von Never Sell
Laut einem SEC-Filing vom 1. Juni veräußerte Strategy zwischen dem 26. und 31. Mai 32 BTC zu einem Durchschnittspreis von rund 77.135 Dollar. Der Erlös von etwa 2,5 Millionen Dollar floss in Ausschüttungen an Vorzugsaktionäre. Gemessen an den rund 843.700 BTC im Bestand entspricht das 0,004 Prozent. Doch die Symbolik überwiegt die Zahl.
CEO Phong Le und Gründer Michael Saylor signalisierten anschließend, weitere Verkäufe vornehmen zu wollen, sofern diese die Kennzahlen pro Aktie verbessern. Das ist eine formelle Abkehr von der bisherigen Haltung, Bitcoin unter keinen Umständen abzugeben. Die Strategy-Aktie fiel nach Bekanntwerden um knapp sechs Prozent.
Auf der Prognoseplattform Polymarket entbrannte parallel ein Streit um Wettkontrakte im geschätzten Volumen von bis zu 80 Millionen Dollar, die sich auf den Zeitpunkt eines solchen Verkaufs bezogen hatten.
Eine Prognoseplattform ist ein Marktplatz, auf dem Nutzer auf den Ausgang realer Ereignisse wetten. Die Preise der Kontrakte spiegeln die kollektive Einschätzung der Wahrscheinlichkeit wider.
Der Zeitpunkt fällt in eine Phase, in der Strategys Modell als Blaupause für andere Unternehmen gilt. Firmen wie Metaplanet in Japan orientieren sich an der Bitcoin-Treasury-Strategie. Wenn der Pionier seine Regeln ändert, verändert das die Referenz für alle Nachahmer.
Verkaufsdruck kommt von mehreren Seiten
Strategys Schritt ereignete sich nicht im Vakuum. Am 2. Juni verließen laut CryptoQuant-Daten 10.300 BTC Wallet-Adressen, die mit der insolventen Börse Mt. Gox verknüpft sind. Es war der erste größere Abfluss aus diesem Cluster seit März 2025. Ein direkter Zusammenhang mit steigenden Börsenguthaben ist bislang nicht bestätigt, doch die Gleichzeitigkeit belastet.
Auf Binance lagen die Bitcoin-Reserven am 2. Juni bei rund 655.000 BTC. Auf Bitfinex stiegen sie binnen zwei Wochen um 9.000 auf etwa 415.000 BTC. Steigende Börsenguthaben gelten als Indikator dafür, dass Halter Verkäufe vorbereiten.
Börsenguthaben (Exchange Reserves) sind Bitcoin-Bestände, die auf den Wallets von Kryptobörsen liegen. Steigen sie, deutet das darauf hin, dass Anleger Coins zum Verkauf dorthin transferieren.
Bitcoin fiel auf ein Tagestief von 66.948 Dollar, laut Cointelegraph der niedrigste Stand seit Anfang April. Kryptoweit wurden innerhalb von 24 Stunden Positionen im Wert von 1,25 Milliarden Dollar liquidiert. Bemerkenswert ist die Entkopplung vom Aktienmarkt: Der S&P 500 markierte zeitgleich ein neues Allzeithoch.
Was jetzt zählt
Die nächste relevante Unterstützungszone liegt bei 64.500 bis 66.000 Dollar. Analyst Rekt Capital verortet den technischen Support beim 50-Monats-Durchschnitt bei rund 66.250 Dollar. Fällt dieser, öffnet sich Raum nach unten. Die Prognoseplattform Kalshi preist eine Rückkehr auf 50.000 Dollar noch in diesem Jahr ein.
Strukturell zeigt sich ein verändertes Marktbild. On-Chain-Daten von Santiment belegen, dass die täglichen aktiven Adressen bei rund 624.000 liegen – ein Rückgang von 44 Prozent gegenüber dem Bullmarkt 2021. Ein Teil dieser Verschiebung erklärt sich durch Spot-ETFs, die Preisexposure ohne Blockchain-Transaktionen ermöglichen.
Long-Term Holder sind Adressen, die Bitcoin seit mindestens 155 Tagen halten und statistisch seltener verkaufen. Ihr Anteil am Gesamtangebot gilt als Maß für die Marktüberzeugung.
Long-Term Holder kontrollieren laut Bitwise rund 74 Prozent des Gesamtangebots, ein Rekordwert. Der Markt wird von weniger, aber größeren Akteuren geprägt.
Einordnung und Ausblick
Bitwise Europe leitet aus einem Staatsschulden-Risikomodell einen theoretischen Fair Value von 224.000 Dollar ab. Das ist kein Kursziel, sondern ein Referenzwert, der auf der Annahme beruht, dass wachsende Refinanzierungsrisiken bei Staatsanleihen mittelfristig Kapital in Bitcoin lenken. Die OECD beziffert den globalen Refinanzierungsbedarf für 2026 auf 29 Billionen Dollar. Kurzfristig jedoch wirken hohe Realzinsen als Gegenwind.
Bull-Szenario: Die strukturelle Konzentration bei Long-Term Holdern begrenzt das verfügbare Angebot. Sollten Zentralbanken auf Anleihemarktstress mit Liquiditätsinjektionen reagieren, könnte Bitcoin profitieren. Die aktuelle Korrektur wäre dann eine Bereinigung überhöhter Leverage-Positionen.
Bear-Szenario: Strategy hat das wichtigste institutionelle Halte-Narrativ beschädigt. Gleichzeitig bauen Mt.-Gox-Rückzahlungen und steigende Börsenguthaben Verkaufsdruck auf. Fällt die Unterstützung bei 66.000 Dollar, sind laut Marktbeobachtern Kurse im Bereich von 55.000 bis 60.000 Dollar denkbar.
Strategys Verkauf war operativ unbedeutend. Aber er hat das stärkste Narrativ im institutionellen Bitcoin-Markt beschädigt. In einer Phase, in der Verkaufsdruck aus mehreren Quellen gleichzeitig aufbaut, wiegt ein Symbolbruch schwerer als die Menge der verkauften Coins. Ob sich die strukturelle Langfristthese durchsetzt oder der kurzfristige Angebotsüberhang dominiert, entscheidet sich in den kommenden Wochen an den genannten Unterstützungszonen.
Hinweis: Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Jede Investitionsentscheidung sollte auf eigener Recherche beruhen.
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