Ethereum unter Druck: 420.000 ETH nach Hack nicht einfrierbar
Ein Hackerangriff auf Binance hinterlässt einen massiven ETH-Überhang, den weder Tether noch Circle blockieren können. Der Markt reagiert bislang verhalten – doch die Risiken reichen bis ins neue Jahr.
CryptoDaily 3 min

Der Binance-Hack mit einem geschätzten Schaden von 6,3 Milliarden Dollar erschüttert den Kryptomarkt. Die eigentliche Belastung für Ethereum liegt jedoch in der Nachwirkung des Angriffs.
420.000 ETH außerhalb jeder Kontrolle
Tether hat 1,5 Milliarden Dollar in USDT eingefroren, Circle weitere 800 Millionen in USDC. Damit sind wesentliche Teile der gestohlenen Stablecoins blockiert. Doch der Angreifer, der Lazarus Group zugeordnet, hat einen Teil der erbeuteten USDT als Sicherheit im DeFi-Protokoll Aave hinterlegt und dagegen ETH geliehen.
Was ist Aave?
Aave ist ein dezentrales Kreditprotokoll, über das Nutzer Kryptowährungen als Sicherheit hinterlegen und andere Kryptowährungen leihen können – ohne zentrale Instanz, die Transaktionen blockieren könnte.
Diese rund 420.000 ETH liegen in Wallets, auf die weder Emittenten noch Behörden zugreifen können. Das Volumen entspricht bei aktuellem Kurs mehr als 900 Millionen Dollar. Anders als bei zentralisierten Stablecoins gibt es bei ETH keinen Herausgeber, der Guthaben einfrieren könnte. Damit steht ein Angebotsüberhang im Raum, der den Spotmarkt über Wochen belasten kann.
Begrenzter Schaden, fragile Struktur
ETH hat in der betroffenen Woche rund drei Prozent verloren. Gemessen am Ausmaß des Hacks wirkt der Rückgang moderat. Doch die Marktstruktur zeigt Verwundbarkeit. Laut Analyst wmougayar hat sich die Orderbuch-Liquidität deutlich ausgedünnt, der Abstand zwischen Kauf- und Verkaufsaufträgen liegt fünfmal über dem Normalwert.
Was ist der Relative-Stärke-Index (RSI)?
Der RSI ist ein technischer Indikator, der misst, ob ein Vermögenswert in einem bestimmten Zeitraum überkauft oder überverkauft ist. Werte unter 30 gelten als überverkauft.
Gleichzeitig fiel der RSI erstmals seit Juni in überverkauftes Territorium. Diese Ausgangslage aus dünner Liquidität und latentem Verkaufsdruck macht ETH anfällig für abrupte Kursbewegungen, sollte der Angreifer beginnen, seine Bestände zu veräußern. Die bearishe Positionierung im Derivatemarkt verstärkt das Bild: Der OI-gewichtete Funding Rate ist auf minus 0,0097 Prozent gefallen, was bedeutet, dass Short-Positionen laut CoinGlass-Daten dominieren. Gleichzeitig zeigen Spot-Abflüsse von über 35 Millionen Dollar, dass Großanleger ETH von Börsen abziehen. Ob das auf Akkumulation oder Risikovermeidung hindeutet, bleibt offen.
Binance verspricht volle Deckung – doch die Rechnung hat Lücken
Binance hat angekündigt, sämtliche Verluste aus dem SAFU-Fonds und eigenen Mitteln zu erstatten. Der Sicherungsfonds enthält nach Angaben der Börse allerdings nur rund 1,15 Milliarden Dollar in Bitcoin, was weniger als 35 Prozent des geschätzten Schadens abdeckt. Die verbleibenden 2,2 Milliarden müsste Binance aus eigenen Reserven aufbringen.
Was ist der SAFU-Fonds?
Der Secure Asset Fund for Users (SAFU) ist ein von Binance eingerichteter Notfallfonds, der Nutzerverluste bei Sicherheitsvorfällen abdecken soll.
Die Börse verfügt nach eigener Darstellung über die nötige Kapazität. Ob diese Zusage den ETH-Überhang neutralisiert, hängt davon ab, ob Binance die geliehenen 420.000 ETH über den freien Markt zurückkauft oder ob der Angreifer sie vorher verkauft.
Warum das jetzt zählt
Die Situation offenbart ein grundlegendes Spannungsfeld im Kryptomarkt. DeFi-Protokolle wie Aave funktionieren wie vorgesehen, gerade weil sie keinen zentralen Zugriff erlauben. Dieselbe Eigenschaft, die das System vor Zensur schützt, macht es für Strafverfolgung und Schadensbegrenzung nahezu undurchdringlich. Für Ethereum bedeutet der Fall konkreten Verkaufsdruck mit unklarem Zeithorizont.
Einordnung und Ausblick
Kurzfristig stützt der überverkaufte RSI die Möglichkeit einer technischen Gegenbewegung. Mittelfristig bleibt der Angebotsüberhang von 420.000 ETH das dominierende Risiko. Sollte der Angreifer über November und Dezember schrittweise verkaufen, könnte ETH gegenüber Bitcoin bis Anfang 2027 underperformen. Umgekehrt könnte eine schnelle Verlustabsorption durch Binance den Druck mindern und eine Akkumulationsphase einleiten. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der Markt den Schock absorbiert oder ob die dünne Liquidität ihn verstärkt.
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