Ethereum-Konsens vor dem größten Umbau seit dem Merge
Fünf Forscher der Ethereum Foundation wollen das Konsensdesign grundlegend ersetzen – gleichzeitig verzögert ein Sicherheitsfehler das nächste Upgrade.
CryptoDaily 3 min

Ein neuer Protokollentwurf könnte die Finalitätszeit von Ethereum um mindestens den Faktor vier verkürzen. Doch die kurzfristige Absage des Glamsterdam-Testnetz-Upgrades zeigt, wie steinig der Weg zu grundlegenden Änderungen bleibt.
Decoupled Consensus: Schnellere Finalität, Quantenschutz als Nebeneffekt
Am 21. Oktober haben fünf Consensus-Forscher um Francesco D'Amato und Ben Edgington einen Draft-EIP unter dem Titel Decoupled Consensus eingereicht. Der Vorschlag sieht vor, das aktuelle Konsensdesign Gasper vollständig zu ersetzen.
Was ist Gasper?
Gasper ist das derzeitige Konsensprotokoll von Ethereum, das regelt, wie Validatoren sich auf gültige Blöcke und deren endgültige Bestätigung einigen.
Kern der Idee ist eine Aufspaltung der Validator-Abstimmungen in zwei getrennte Funktionen. Ein Komitee von rund 512 Validatoren soll künftig über die Blockreihenfolge abstimmen. Alle aktiven Validatoren stimmen separat über die endgültige Bestätigung von Transaktionen ab, unabhängig von festen Epochengrenzen.
Das erste Ziel ist konkret: Die Finalitätszeit soll von derzeit rund 13 Minuten auf etwa drei Minuten sinken.
Was ist Finalität?
Finalität bezeichnet den Zeitpunkt, ab dem eine Transaktion auf der Blockchain als unwiderruflich gilt und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
Ben Edgington hält mittelfristig sogar Werte im Bereich weniger Dutzend Sekunden für erreichbar. Für zeitkritische Anwendungen wie institutionelle Settlements oder DeFi-Protokolle wäre das ein erheblicher Fortschritt.
Ein struktureller Nebeneffekt betrifft die Quantensicherheit. Weil die beiden Abstimmungspfade getrennt laufen, lässt sich jeder unabhängig auf Post-Quanten-Signaturen umstellen. Die begrenzte Zahl der Blockreihenfolge-Abstimmenden kompensiert dabei den höheren Datenaufwand solcher Signaturen gegenüber dem aktuellen BLS-Standard.
Der Entwurf trägt die vorgeschlagene Nummer EIP-8453 und befindet sich im frühesten Stadium. Komiteeauswahl, Belohnungsstruktur und eine vollständige Sicherheitsanalyse stehen noch aus. EF-Forscher Barnabé Monnot ordnet eine mögliche Implementierung dem Upgrade nach Hegota zu, frühestens Anfang 2028.
Glamsterdam gestoppt: Sicherheitslücke bremst laufendes Upgrade
Dass selbst weniger tiefgreifende Änderungen scheitern können, zeigt die Absage des Glamsterdam-Upgrades auf dem Hoodi-Testnetz. Das für den 26. Oktober geplante Upgrade wurde am 22. Oktober zurückgezogen, nachdem die Sicherheitsfirma ChainSecurity Probleme in zwei Gas-EIPs identifiziert hatte.
Die betroffenen Vorschläge EIP-8037 und EIP-8038 verändern die Gas-Abrechnung für bestimmte Zustandsoperationen so, dass Fehlerbehandlungslogik in Smart Contracts unter Umständen durchlaufen kann, wo sie zuvor abgebrochen hätte. Im schlimmsten Fall könnten vorübergehende Fehler in permanente Ausfälle umgewandelt werden.
Barnabas Busa von der Ethereum Foundation hat den Rollback der Netzwerkkonfiguration bereits zusammengeführt. Ein neuer Testtermin steht laut Entwicklern nicht fest. Vor der Absage hatten Entwickler geplant, beim nächsten Consensus Call ein Mainnet-Datum zu wählen, sofern der Hoodi-Test reibungslos verlaufen wäre. Diese Bedingung ist hinfällig. Das Sepolia-Testnetz hatte das Upgrade bereits Anfang Oktober aktiviert.
Warum das jetzt zählt
Ethereum steht vor einer doppelten Herausforderung. Kurzfristig muss das Glamsterdam-Upgrade die Sicherheitsprüfung bestehen, bevor es das Mainnet erreicht. Langfristig soll ein grundlegend neues Konsensdesign die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber schnelleren Layer-1-Netzwerken sichern. Beide Prozesse laufen parallel und verdeutlichen die Spannung zwischen Innovationsgeschwindigkeit und dem Sicherheitsanspruch eines Netzwerks mit hunderten Milliarden Dollar an verwalteten Werten.
Einordnung und Ausblick
Der Decoupled-Consensus-Entwurf ist ambitioniert, aber nach Einschätzung der Autoren Jahre von einer Umsetzung entfernt. Die Forscher benennen selbst offene Risiken, darunter ein erhöhtes Denial-of-Service-Risiko durch das kleinere Abstimmungskomitee.
- Bullisches Szenario: Gelingt die Umsetzung, könnte Ethereum mit Finalitätszeiten im Sekundenbereich gegenüber konkurrierenden Layer-1-Netzwerken deutlich aufholen und für institutionelle Anwendungen attraktiver werden.
- Bärisches Szenario: Die Glamsterdam-Verzögerung zeigt, dass selbst kleinere Upgrades an Sicherheitshürden scheitern können. Ein Konsens-Umbau dieser Größenordnung könnte sich über Jahre hinziehen und an fehlender Community-Unterstützung oder technischen Komplikationen scheitern.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob Glamsterdam zeitnah nachgeholt wird und ob der Konsens-Umbau genügend Rückhalt gewinnt, um den langen Weg zur Implementierung zu überstehen.
Hinweis: Keine Anlageberatung. Die dargestellten Informationen dienen ausschließlich der Information und stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Vermögenswerten dar.
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