Bitcoin zwischen Signal und Unsicherheit
On-Chain-Daten und ETF-Zahlen liefern widersprüchliche Signale – während Glassnode einen kritischen Schwellenwert identifiziert, warnen Analysten vor strukturellem Verkaufsdruck durch Miner.
CryptoDaily 6 min

Bitcoin notiert aktuell nahe der 72.000-Dollar-Marke
Bitcoin notiert aktuell nahe der 72.000-Dollar-Marke und damit rund 43 Prozent unter dem Allzeithoch vom Oktober 2025. Zwei unabhängige Datensätze verschieben die Einschätzung: On-Chain-Metriken deuten auf historisch niedrige Gewinnpositionen hin, während börsennotierte Miner zunehmend BTC-Bestände veräußern.
Unterbewertungssignal oder Trendfortsetzung?
Der MVRV-Ratio von Bitcoin hat ein Niveau erreicht, das zuletzt nach dem FTX-Kollaps Ende 2022 beobachtet wurde. Das signalisiert, dass ein Großteil der Coin-Inhaber aktuell nahe oder unterhalb ihres Einstandspreises liegt.
Was ist der MVRV-Ratio?
Der Wert vergleicht den Gesamtmarktwert von Bitcoin mit dem sogenannten Realized Value – dem aggregierten Wert aller Coins zum Zeitpunkt ihrer letzten Transaktion. Ein niedriger MVRV-Wert deutet darauf hin, dass im Markt wenig unrealisierter Gewinn steckt.
Historisch fungierten solche Niveaus in vergangenen Zyklen als Akkumulationsphasen – diese Einschätzung ist jedoch spekulativ und lässt sich nicht direkt auf künftige Kursentwicklungen übertragen. Parallel dazu hat die Anzahl der sogenannten Shark- und Whale-Wallets – Adressen mit einem Bestand zwischen 10 und 10.000 BTC – laut Daten von Bitcoinist einen neuen Allzeithöchststand von 20.031 Adressen erreicht. Marktbeobachter werten das als Hinweis auf zunehmende Akkumulation durch mittelgroße bis große Marktteilnehmer.
Entscheidend ist nun eine andere Frage: Reicht diese Akkumulation aus, um den gleichzeitigen Verkaufsdruck auf der Angebotsseite zu absorbieren?
Miner verkaufen – und das in erheblichem Umfang
Quinn Thompson, CIO des Investmentunternehmens Lekker Capital, warnt in einer auf X veröffentlichten Analyse, dass börsennotierte Bitcoin-Miner insgesamt rund 80.000 BTC auf ihren Bilanzen halten und diese zunehmend veräußern müssen. Viele Miner vollziehen einen strategischen Pivot hin zu KI- und Hochleistungsrecheninfrastruktur – ein kapitalintensiver Umbau, der Liquidität erfordert.
Die Zahlen sind konkret. Core Scientific verzeichnete in Q4 2025 einen Rückgang des Mining-Umsatzes auf 42,2 Millionen Dollar gegenüber 79,9 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum und verkaufte im Gesamtjahr 2025 digitale Assets im Wert von 402,5 Millionen Dollar. TeraWulf unterzeichnete Langzeitverträge für HPC-Hosting im Wert von 12,8 Milliarden Dollar und hielt zum Jahresende 2025 noch 3 BTC. IREN liquidiert täglich alle geminteten Bitcoin und wies zum Jahresende 2025 einen Bitcoin-Bestand von null aus. MARA Holdings bleibt die Ausnahme: Das Unternehmen hält rund 53.822 BTC, veräußerte in der zweiten Jahreshälfte 2025 jedoch ebenfalls rund 4.076 BTC für 413,1 Millionen Dollar.
Genau hier liegt der kritische Punkt. Der Miner-Pivot erzeugt kurzfristig strukturellen Angebotsüberhang, der unabhängig von der generellen Marktnachfrage wirkt.
Glassnode setzt eine Bedingung
Die On-Chain-Analysefirma Glassnode hat einen weiteren Indikator identifiziert, der die aktuelle Lage präziser einrahmt. Der Anteil des Bitcoin-Angebots, der von Short-Term Holders – Adressen mit einer Haltedauer unter 155 Tagen – im Gewinn gehalten wird, liegt derzeit unter der 50-Prozent-Marke. Laut Glassnode tendiert die Risikobereitschaft auf der Nachfrageseite dazu, gedrückt zu bleiben, solange dieser Wert unterhalb dieser Schwelle notiert.
Was bedeutet Short-Term Holder Supply in Profit?
Dieser Wert misst, welcher Anteil der in den vergangenen 155 Tagen bewegten Bitcoin-Coins zu einem Preis gehalten wird, der über dem aktuellen Marktpreis liegt. Je tiefer dieser Wert, desto mehr Inhaber halten Positionen mit Buchverlusten – was erfahrungsgemäß Verkaufsdruck dämpft, aber auch die Kaufbereitschaft reduziert.
Ein vergleichbares Muster trat in der ersten Hälfte 2025 auf: Damals ging ein Anstieg des Anteils über die 50-Prozent-Marke einer Rally voraus, die neue Allzeithochs markierte. Glassnode wertet das Überschreiten dieser Schwelle als Voraussetzung für eine nachhaltige Erholung – nicht als Garantie.
ETF-Zuflüsse: reaktiv, nicht führend
Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten zuletzt vier aufeinanderfolgende Handelstage mit Nettozuflüssen von insgesamt 583 Millionen Dollar, wie Daten von CoinGlass zeigen. Das klingt positiv – doch ein Muster aus den Wochen davor trübt das Bild.
Zwischen dem 24. Februar und dem 4. März 2026 flossen laut Cointelegraph 2,14 Milliarden Dollar in Spot-Bitcoin-ETFs und lösten eine Rally von 14 Prozent aus. In den vier darauffolgenden Tagen fiel der Preis um rund 10 Prozent, als sich die Zuflüsse umkehrten. Dieses Muster deutet auf reaktives statt führendes ETF-Verhalten hin – die Zuflüsse folgen dem Preis, anstatt ihn zu treiben.
Damit rückt ein anderer Faktor in den Mittelpunkt. BlackRocks IBIT-Daten zeigen laut einem CNBC-Interview mit Robert Mitchnick, Head of Digital Assets bei BlackRock, dass über 90 Prozent der IBIT-Investoren eine konsistente Akkumulationsstrategie verfolgen – ein strukturell langfristiges Bild, das im Widerspruch zu den kurzfristigen Flow-Mustern steht.
Makro und Korrelation belasten weiter
Bitcoins 50-Tage-Korrelation mit dem Nasdaq 100 beträgt laut Cointelegraph-Auswertung rund 84 Prozent. Das macht Bitcoin bei einem möglichen Rückgang an den US-Aktienmärkten anfällig.
Das makroökonomische Umfeld verschärft den Druck zusätzlich. Das US-Bruttoinlandsprodukt wuchs im Zeitraum Oktober bis Dezember 2025 laut dem US Commerce Department lediglich um 0,7 Prozent – eine deutliche Abwärtsrevision gegenüber früheren Schätzungen. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe stieg auf 4,26 Prozent, Rohölpreise über 100 Dollar je Barrel erzeugen Inflationsdruck und reduzieren das verfügbare Kapital für Retail-Investitionen.
Analysten schätzen zudem, dass Strategy – ehemals MicroStrategy – über das STRC-Instrument mehr als 900 Millionen Dollar für weitere Bitcoin-Käufe akkumuliert hat. Der zuletzt bestätigte Erwerb umfasste 17.994 BTC für rund 1,28 Milliarden Dollar; der Gesamtbestand beläuft sich auf 738.731 BTC.
Steuerliche Hürde für den Alltag
Parallel zur Marktdiskussion läuft in Washington eine Debatte mit direktem Einfluss auf die Nutzbarkeit von Bitcoin. Das Bitcoin Policy Institute hat in den vergangenen drei Monaten Kontakt zu 19 Büros im US-Kongress aufgenommen, um eine sogenannte De-minimis-Steuerbefreiung für kleine Bitcoin-Transaktionen zu bewerben.
Nach aktuell geltendem US-Recht löst jede Bitcoin-Zahlung für Waren oder Dienstleistungen einen steuerpflichtigen Vorgang aus, der beim IRS meldepflichtig ist. Das hemmt die alltägliche Nutzung als Zahlungsmittel erheblich. Das Bitcoin Policy Institute nennt das Zeitfenster März bis August 2026 als kritische Phase – danach sinken die Erfolgschancen aufgrund zunehmender Midterm-Dynamik. Senator Cynthia Lummis hatte im Juli 2025 einen Entwurf eingebracht, der Transaktionen bis 300 Dollar von der Kapitalertragsteuer ausnehmen würde, erreichte damit jedoch keine Senatsmehrheit.
Warum das jetzt zählt
Die vorliegenden Datenpunkte ergeben ein uneinheitliches Bild: Akkumulationssignale auf Wallet-Ebene und historisch niedrige MVRV-Werte stehen einem strukturellen Angebotsüberhang durch Miner gegenüber. Gleichzeitig bleibt das makroökonomische Umfeld belastet, und die ETF-Zuflüsse folgen dem Preis, anstatt ihn zu antizipieren.
Einordnung und Ausblick
Für eine bullische Lesart spricht die Kombination aus niedrigem MVRV-Ratio, rekordhoher Whale-Wallet-Zahl und dem langfristig orientierten Investorenverhalten bei IBIT. Sollte der Anteil des Short-Term-Holder-Angebots im Gewinn die 50-Prozent-Marke überschreiten, könnte das laut Glassnode eine Voraussetzung für nachhaltige Kursstabilisierung schaffen. Strategy und andere institutionelle Käufer liefern zudem kontinuierliche Nachfrage.
Die bearishe Perspektive sieht hingegen einen Markt, der das Ende seiner fünfmonatigen Korrektur seit dem Oktober-Hoch bei rund 126.000 Dollar noch nicht erreicht hat. Die hohe Nasdaq-Korrelation macht Bitcoin anfällig für Aktienmarktbewegungen, der Miner-Pivot erzeugt anhaltenden Verkaufsdruck, und das makroökonomische Umfeld mit schwachem BIP-Wachstum und erhöhten Ölpreisen begünstigt weiterhin Risikoaversion. Ohne einen überzeugenden Ausbruch über technisch relevante Widerstandszonen bleibt das Bild unklar.
Hinweis: Keine Anlageberatung.
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