BIP-110 spaltet Bitcoin – doch niemand folgt
Ein gescheiterter Konsensversuch offenbart die Grenzen erzwungener Protokolländerungen
CryptoDaily 4 min

Am Wochenende hat sich das Bitcoin-Netzwerk kurzzeitig aufgespalten
Bei Block 961.632 trennten sich Knoten, die den umstrittenen Vorschlag BIP-110 durchsetzen, von der Hauptkette. Mit nur 2,5 Prozent Miner-Unterstützung ist die Abspaltung praktisch bedeutungslos.
Erzwungenes Signal, minimale Resonanz
BIP-110 will die Speicherung beliebiger Daten in Bitcoin-Transaktionen einschränken. Konkret sollten neue Output-Skripte auf 34 Byte begrenzt werden, bestimmte Taproot-Funktionen eingeschränkt und OP_RETURN-Felder auf 83 Byte gedeckelt werden. Das Ziel: Protokolle wie Ordinals und Runes ausbremsen, die nach Ansicht der Befürworter das Netzwerk mit nicht-monetären Daten belasten.
Was ist ein Output-Skript? Ein Output-Skript ist eine kurze Anweisung innerhalb einer Bitcoin-Transaktion, die festlegt, unter welchen Bedingungen die gesendeten Coins ausgegeben werden dürfen. Änderungen an der erlaubten Größe dieser Skripte beeinflussen, welche Daten in Transaktionen gespeichert werden können.
Der Aktivierungsmechanismus sah vor, dass 55 Prozent der Miner per Signaling zustimmen müssen. In der relevanten Messperiode von 2.016 Blöcken signalisierten jedoch nur 51 Miner Unterstützung – das entspricht 2,53 Prozent. Kein großer Mining-Pool stellte sich öffentlich hinter den Vorschlag. Ab Block 961.632 trat dennoch die verpflichtende Signaling-Phase ein. Knoten mit aktivierter Durchsetzung, vor allem solche mit der Software Bitcoin Knots, lehnten fortan jeden Block ohne das geforderte Version-Bit ab und spalteten sich damit vom Hauptnetzwerk ab.
Die entstandene Minderheitskette fiel sofort hinter die dominante Kette zurück. Ohne nennenswerte Hash-Rate dürften Blockzeiten auf der Nebenkette Stunden oder sogar Tage betragen, da keine automatische Schwierigkeitsanpassung kurzfristig greift. Betroffene Betreiber müssen ihre Knoten entweder zurücksetzen oder auf der isolierten Kette verbleiben.
Prominente Stimmen, klare Fronten
Die Ablehnung kam schnell und deutlich. Michael Saylor, Executive Chairman von Strategy, bezeichnete den Fork als gescheitert und wirtschaftlich bedeutungslos. Adam Back, CEO von Blockstream, warnte, BIP-110 könnte gültige Transaktionen blockieren und das Netzwerk unnötig gefährden.
Was ist ein Fork? Ein Fork bezeichnet eine Aufspaltung der Blockchain in zwei getrennte Ketten. Das passiert, wenn ein Teil der Netzwerkteilnehmer andere Regeln anwendet als der Rest.
Auf der Gegenseite bereitete Bitcoin-Entwickler Chris Guida am 1. August vorsorglich Code für einen Proof-of-Work-Wechsel vor, ursprünglich von Luke Dashjr entwickelt. Guida bezeichnete dies als Notfallmaßnahme ohne konkretes Aktivierungsdatum, für den Fall, dass Miner den Vorschlag weiter blockieren. Die Geste illustriert die Entschlossenheit einer kleinen Gruppe, bleibt aber ohne praktische Wirkung, solange die überwältigende Mehrheit der Netzwerkteilnehmer nicht mitzieht.
Warum das jetzt zählt
Der Vergleich mit dem Bitcoin-Cash-Split von 2017 liegt nahe, greift aber zu kurz. Damals existierten Exchange-Infrastruktur, Mining-Kapazität und eine substanzielle Nutzerbasis für die neue Kette. Für BIP-110 fehlt all das. Keine Börse listet einen entsprechenden Token, keine relevante Hash-Rate sichert die Kette, keine wirtschaftliche Aktivität rechtfertigt ihren Betrieb.
Dennoch ist das Ereignis nicht folgenlos. Es zeigt erstens, dass Bitcoins Konsensmechanismus funktioniert: Eine Minderheit kann Änderungen vorschlagen, aber nicht erzwingen. Es zeigt zweitens, dass die Debatte um Daten auf der Blockchain weitergeht. Ordinals und Runes polarisieren seit ihrer Einführung, und die Frage, ob Bitcoin primär Wertspeicher oder auch Datenplattform sein soll, ist nicht beantwortet.
Einordnung und Ausblick
Für das Hauptnetzwerk ändert sich vorerst nichts. Bitcoin handelt laut Marktdaten weiterhin unter 65.000 Dollar, die Aufmerksamkeit der Märkte richtet sich eher auf ETF-Zuflüsse und makroökonomische Signale als auf Governance-Debatten. BlackRocks IBIT zog laut Crypto Briefing allein in der vergangenen Woche 693 Millionen Dollar an – ein Zeichen dafür, dass institutionelles Kapital unbeeindruckt bleibt.
- Bull-Szenario: Der gescheiterte Fork bestätigt die Robustheit des Bitcoin-Konsensmechanismus. Institutionelle Anleger dürften das Ereignis als Beweis für die Widerstandsfähigkeit des Netzwerks werten, was weiteres Kapital anziehen könnte.
- Bear-Szenario: Die anhaltende Governance-Debatte um Daten auf der Blockchain könnte künftig mit stärkerer Miner-Unterstützung erneut aufflammen. Wiederholte Spaltungsversuche könnten das Vertrauen in die Protokollstabilität langfristig belasten.
Der gescheiterte Fork ist damit weniger eine Krise als ein Lehrstück: Bitcoin lässt sich nicht von einer Minderheit umschreiben. Ob das dauerhaft so bleibt, hängt davon ab, wie die Community künftige Konflikte zwischen Puristen und Pragmatikern löst.
Hinweis: Keine Anlageberatung. Dieser Artikel dient ausschließlich der Information. Erwähnte Kurse und Daten können sich jederzeit ändern.
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